HÄMATOLOGISCH ONKOLOGISCHER SCHWERPUNKT
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Medikamentöse Krebsbehandlung - weit mehr als Chemotherapie

Wer "Tumortherapie", "Krebsbehandlung" oder "Leukämietherapie" hört, denkt oft an Chemotherapie und hat sofort andere Menschen vor Augen, die schwere Zeiten unter der Krebsbehandlung hatten. Aber: Kamen die Beschwerden von der Therapie oder eher von der Erkrankung? Ist die eigene Erkrankung vergleichbar? Hat das, was man beobachtet hat, tatsächlich mit dem zu tun, was jetzt vorgeschlagen wird? Man behandelt heutzutage längst nicht immer mit Chemotherapie. Oft ist es günstiger, den Hormonhaushalt medikamentös zu beeinflussen, Stärken des Immunsystems zu nutzen und zu fördern, oder gezielt Signalwege von Wachstumsreizen zu blockieren - mehr dazu hier:

  • Chemotherapie
  • Antihormonelle Therapie
  • Monoklonale Antikörper
  • Personalisierte Medizin / Stratifizierte Therapie
  • Immuntherapie

Alt und bewährt, aber nicht mehr die einzige Option: Chemotherapie

Beim Wort Chemotherapie denkt man nicht selten an gefährliche Medikamente oder welche mit schlimmen Nebenwirkungen. Zum Glück ist das in vielen Fällen so nicht richtig. Manchmal aber doch und dann lohnt es, ein paar Regeln zu beachten. Chemotherapie wird meistens als Infusion in eine Vene gegeben, aber auf den Eintrittsweg des Zellgiftes in den Körper kommt es in Wirklichkeit nicht an. Nebenwirkungsreiche Medikamente können im Prinzip genauso als Tablette oder subcutane / intramuskuläre Spritze (unter die Haut oder in einen Muskel zu geben) "verpackt" sein. So gibt es Tabletten, die viel schlechter verträglich sind als manche Infusionslösungen oder Spritzen.

Viel entscheidender ist, welche Gewebe mit geschädigt werden, die man eigentlich nicht treffen möchte. Besonders Krebsleiden, bei denen die bösartigen Zellen sich rasch teilen, können mit Zellgiften behandelt werden - das ist die eigentliche Chemotherapie. Medikamente werden gegeben, die viele Zellen im Körper treffen. Empfindlich sind dabei leider nicht nur die Krebszellen, sondern unterschiedliche gesunde Gewebe. Wenn die Medikamente Erbrechen oder Übelkeit auslösen, wenn sie den Darm zum Durchfall reizen, die Abwehr gegen Bakterien stören und die Infektionsneigung steigern, wenn sie die empfindlichen Schleimhäute schädigen - dann sind das unerwünschte Wirkungen gegen gesunde Gewebe. Hier lässt sich einiges machen und man sollte richtig damit umgehen:

Antihormonelle Therapie

In der medikamentösen Tumortherapie wird meist zwischen verschiedenen Wirkprinzipien unterschieden. Es wird keineswegs immer mit Zellgiften (mit der eigentlichen "Chemo"-therapie) gearbeitet: Von Hormonen abhängige Krebse können durch "antihormonelle Therapie" (meist Tabletten) beeinflusst werden. Das Prinzip: wenn Krebswachstum durch Hormone stimuliert wird, kann es nützlich sein, mit Hilfe von Medikamenten diese Hormone zu bremsen. Was man in Kauf zu nehmen hat: die erwünschten Wirkungen der Hormone werden gleichzeitig gemindert.

Monoklonale Antikörper

Erfolgreich sind sogenannte "monoklonale Antikörper". Künstlich erzeugte, dem menschlichen Vorbild angepasste Abwehr-Eiweisse (Immunglobuline) werden mit sehr speziellen Eigenschaften versehen. Diese Infusionslösungen sollen dann bewirken, dass bestimmte Oberflächenmerkmale von Zellen markiert werden und weitere Immunvorgänge ausgelöst werden, die in der Vernichtung der jeweiligen Zelle enden. Im Prinzip sind das Methoden, wie sie der Körper selbst anwendet, wenn er einen vorhandenen Immunschutz nützt.

Der Trick in der Tumortherapie besteht, darin, Zelloberflächen-Eigenschaften zu finden, die nur auf den "bösen" und möglichst nirgends auf den "guten" Zellen sitzen, damit das Medikament wie ein "magisches Geschoss" zielsicher und ohne Kollateralschäden sein Werk tut .. Diese erhoffte sehr hohe Selektivität ist leider nur bei einigen bösartigen Erkrankungen gegeben (maligne Lymphome, bestimmte Formen von Brustkrebs, u.a.) und dadurch ist die Anwendbarkeit eingeschränkt. Wo wir sie anbieten können, sind solche Therapien aber ein klarer Gewinn.

"targeted therapy" / personalisierte Medizin / stratifizierte Therapie

In den letzten Jahren ist viel von "personalisierter Medizin", von "stratifizierter Therapie", auch manchmal von  "individualisierter Medizin", auf englisch von "targeted therapy" die Rede. Krebsmittel, die meist als Tablette kommen, täglich einzunehmen und in der Regel extrem teuer sind (100 Euro pro Tag und mehr ist keine Seltenheit), sollen möglichst gezielt einen für das Wachstum der Krebszellen entscheidenden Signalweg blockieren, der in ihnen intensiver als in gesundem Gewebe aktiv ist. Viele dieser Signalwegaktivierungen kommen selten vor, manche Blockaden funktionieren hervorragend, gezielt und langanhaltend, nicht wenige aber leider nur vorübergehend. Mit bislang einer Ausnahme (chronische myeloische Leukämie) sind diese Therapien Dauertherapien. Chronische Tabletteneinnahme, in der Regel täglich, soll die bösartigen Leiden zu beherrschbaren chronischen Erkrankungen machen.

Das Spektrum reicht von geringem bis zu grandiosen Erfolgen. So gibt es Medikamente gegen eine bestimmte Form von Leukämie (CML), die jeder Chemotherapie überlegen sind: durch so genannte Tyrosin-Kinase-Inhibitoren erscheint inzwischen die Heilung der chronischen myeloischen Leukämie in einem Teil der Fälle erreicht. Bis vor wenigen Jahren war das undenkbar oder nur durch die ungleich riskantere und jüngeren Patienten vorbehaltene Knochenmarktransplantation zu erreichen.

Individualisierte Medizin - tatsächlich?

Mit der Person des Erkrankten (dem Individuum) hat das dann aber doch nichts zu tun. Eher schon damit, dass man immer besser versteht, dass Krebs nicht gleich Krebs ist und dass die Unterschiedlichkeiten der genetischen Ausstattung der Tumore nach unterschiedlichen Ansatzpunkten verlangen. Ein Medikament hilft nicht gegen "alles". Worauf es ankommt: Ob oder ob nicht im Tumorgewebe eine das (bösartige) Wachstum aktivierende Gensignalveränderung nachweisbar ist und ob es Forschungsergebnisse gibt, die auch beweisen, dass man sich bei der jeweils vorliegenden Kombination von Krebsart [Ursprungstumor] und Genveränderung [Treibermutation] mit einem bestimmten Medikament einen Nutzen versprechen kann.   

Immuntherapie ("Immuncheckpoint-Inhibition"): Nobelpreis-würdig

Noch immer neu und auch 2018 auf dem fortgesetzten ständigen Vormarsch, so dass wir weit entfernt sind von einer abschließenden Bewertung, sind Immuntherapien. Sicher ist immerhin bereits jetzt, dass sie den größten Fortschritt der letzten 30 Jahre in der Krebstherapie darstellen. In gar nicht so wenigen Einzelfällen gelingt, was bisher bei fast allen Krebsarten jeder Erfahrung widersprach und unmöglich schien: Einzelne Patienten, die viele Metastasen hatten, und die von ihren Onkologen als nicht mehr heilbar eingestuft wurden, leben inzwischen nach ersten Immuntherapien seit Jahren ohne Krankheitserscheinungen. Wir sehen inzwischen in diesen Gruppen mit früher miserabler Prognose eine Teilgruppe von ungefähr einem Fünftel der Betroffenen, die eventuell geheilt worden sein könnte.

Medikamente konnten Blockierungen des körpereigenen Immunsystems gegen den Krebs lösen (quasi die Blockade blockieren) und das körpereigene Immunsystem wurde von seinem "blinden Fleck" befreit. Erstmals konnte es den Krebs als Feind erkennen, bekämpfen und in einigen Fällen, wie es scheint, sogar vernichten. Wir erleben derzeit, dass solche Behandlungsprinzipien in der Behanldung praktisch aller Krebsleiden getestet werden. In noch immer zu vielen Fällen sind sie nicht oder nur vorübergehend wirksam und nicht unbedingt effektiver als Chemotherapie. Meistens allerdings ist ihre Verträglichkeit ganz klar erheblich besser. Wir erleben fast im Monatsrhythmus den Einschluss von Immuntherapeutika in unsere Behandlungskonzepte. 2018 entwickeln sich beispielsweise Vorgehensweisen, bei denen Immuntherapien mit Chemotherapien kombiniert werden. Zugleich wird fieberhaft daran geforscht, wie man Vorhersagen über die Effektivität einer solchen Strategie machen kann. Absehbar ist, dass ihre Anwendung weiter zunehmen wird.

Die Süddeutsche hat es schön zusammengefasst: "Den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin erhalten in diesem Jahr James Allison und Tasuku Honjo für ihre Arbeit auf dem Gebiet der Krebstherapie. Die beiden Immunologen haben unabhängig voneinander Wege gefunden, die Aufmerksamkeit des Immunsystems auf Krebszellen zu lenken, die der Körperabwehr normalerweise entgehen. Damit haben Allison und Honjo ein nach Ansicht des Nobel-Komitees in Stockholm "vollkommen neues Prinzip der Krebstherapie" etabliert. Durch die Entdeckungen der beiden Wissenschaftler gelingt es Ärzten bei manchen Tumorarten inzwischen, die natürlichen Bremsen des Immunsystems zu lösen und es auf die Krebszellen loszulassen. Diese Therapie durch sogenannte Checkpoint-Inhibitoren habe die Krebsbehandlung "revolutioniert", heißt es in der Begründung aus Stockholm." [https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/nobelpreise-medizin-nobelpreis-fuer-durchbruch-in-der-krebstherapie-1.4152126 - aufgerufen am 21.10.18]

Krebstherapie der Zukunft

Es gibt kaum ein Feld in der Medizin, in dem in den letzten Jahren so viele neue Medikamente erfunden wurden, wie in der Krebsheilkunde. Selbst wenn es sich nicht immer gleich um einen Durchbruch handelt, kommt ein kleiner Fortschritt zum nächsten. Das lässt hoffen. Neue Wirkprinzipien kommen hinzu. Neue Nebenwirkungen werden nicht zu vermeiden sein. Lichtblick: Sie werden heutzutage von Anfang an intensiv mit erforscht.

Und noch etwas: wenn die Nebenwirkungen zu stark sind, können die Firmen heutzutage nicht mehr so hohe Preise erzielen. Das wirkt sich auf die Medikamentenentwicklung aus und man kann damit rechnen, dass die Verträglichkeit der Therapien einen höheren Stellenwert schon in der Entwicklung erhält.

 

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