HÄMATOLOGISCH ONKOLOGISCHER SCHWERPUNKT
Dres. Müller-Hagen | Bertram | Graefe | Kollegen

Weder Sterbehilfe noch seelenlose Technik - wir machen Palliativmedizin

Behauptet wird: In der Nähe des Lebensendes oder in Situationen lang anhaltenden und als sinnlos empfundenen Leidens würde häufig Medizin Falsches tun, indem sie in einer als "künstlich und unmenschlich" empfundenen Weise sinnlos Leben verlängere und Menschen, die dies nicht mehr selbst beeinflussen können, "zwinge, am Leben zu bleiben und unnütz zu leiden". Häufig hören wir von der Furcht Angehöriger, die Patienten würden "künstlich an Schläuche kommen" - ausgedrückt wird Sorge davor, dass Medizintechnik die nötige Zuwendung verdrängt und Ziele verfolgt, um die es nicht mehr gehen kann.

Wahl nur zwischen "Die Spritze" oder seelenloser Medizintechnik am Lebensende - ist das, worum es geht?

Unterstellt wird, wir bräuchten eine Möglichkeit, legal Kranke zum Tode zu bringen, um sie zu "erlösen". Dann wird in der Boulevardpresse noch der Eindruck erweckt, eigentlich würden alle deutschen Ärzte irgendwie längst dauernd Sterbehilfe leisten, ohne dass dabei absolut unmissverständlich die Grenze zur Tötung gezogen werde. Das ist fern unserer Realität. Wir benötigen vielleicht gar nicht den großen historischen Bogen (Vernichtung "lebensunwerten Lebens" durch Deutsche in der Nazizeit), wir können vielleicht auskommen ohne Rückgriffe auf den christlichen Glauben (hat je irgendein Mensch das Recht, über eines Anderen Leben zu entscheiden?), und wir müssen nicht unbedingt warnend auf Krankentötungen in den Niederlanden verweisen. Wir sehen auch nur äußerst selten das Zerrbild von Medizin, wie es sich im Einsatz eingreifender komplizierter medizinischer high-tech zeigt, die den Todkranken zum Objekt von Technik und von kritikwürdigem ärztlichen Allmachtstreben werden lässt. Wahrscheinlich spielt hier eine wichtige und gute Rolle, dass unser Krankenhauspartner aus seinem diakonischen Auftrag schon vor vielen Jahren abgeleitet hat, Palliativstationen und Hospize einzurichten. Gerade die Entscheidung für Palliativmedizin entlastet uns nämlich, weil gegenüber Tötung oder zu viel Technik der viel bessere Weg zur Verfügung steht.

Mit einem weiteren Vorurteil muss aufgeräumt werden: "am Lebensende" klingt, als wäre eine Palliativversorgung erst richtig, wenn die Ärzte denken würden, dass der Tod einigermaßen unmittelbar bevorstehe. Als würde die Erwähnung von Palliativmedizin indirekt die Botschaft aussenden "Sie haben nur noch eine sehr kurze Zeit zu leben". Stimmt so nicht. Richtig bleibt zwar: Palliativmedizin dient der sogenannten "Symptomkontrolle", nicht der Behandlung von Krebs als Auslöser von Symptomen. Sie ist keine im eigentlichen Sinn kausale Therapie, also nicht eine, die auf Ursachen zielt, um Folgen zu beseitigen, sondern eine, die sich direkt um die Folgen kümmert - um Atemnot, um Schmerzen, um Unruhe, um Panik, um Verdauungsstörungen, aber z.B. auch um spirituelle Nöte. Was Palliativmedizin  leisten will: dass man in einer, bedingt durch die bedrohliche Erkrankung, problematisch gewordenen Situation wieder besser zurechtkommt, möglichst wenig unter Symptomen leidet, sich sicher fühlen kann, unterstützt ist, und dass das heimische Versorgungssystem nicht zusammenbricht - dann auch das gehört zur Realität: pflegende Angehörige bleiben eine entscheidende Stütze, aber sie brauchen auch gelegentlich Hilfe. 

Fakten in der Krebsmedizin

Um konkret zu bleiben: In der Krebsmedizin erleben wir zu allermeist am Lebensende Erkrankte, die sehr wohl selbst deutlich machen können, was sie möchten. Und selbstverständlich respektieren wir dies. Wir haben hier extrem selten das Problem langen Siechtums von Menschen, die, dement oder anderweitig hirngeschädigt und nicht zur Kommunikation fähig, dann nicht mehr wissen und oder ausdrücken können, wie sie behandelt werden möchten. Die nicht mehr selbst entscheiden und auf Deutungen durch Andere angewiesen sind.

In den Medien wird gern die Konstellation angeprangert ".. todkrank, völlig hilflos und elend, aber die Ärzte lassen mich nicht sterben". Es gibt solche Situationen tatsächlich, aber selten im Zusammenhang mit Tumorerkrankungen. Insgesamt hat eine solche drastische Konstellation daher sehr wenig mit unseren tatsächlichen Erfahrungen in der Tumormedizin zu tun. Wahrscheinlich ist dies übrigens ein direktes Zeichen der Nützlichkeit mancher Krebstherapien: Bei vielen Betroffenen, die zwar nicht mehr geheilt werden können, wird dennoch eine recht ordentliche Lebensqualität über lange Zeiträume erhalten. Ein Siechtum zum Ende hin ist dagegen bei den meisten relativ kurz.

Respekt vor Entscheidungen der Patienten

Dass Entscheidungen von Patienten respektiert werden müssen, ist für uns völlig unstrittig. Praktisch immer erleben wir, dass die Todkranken ihre autonom getroffenen Therapie- oder Therapieverzichts-Entscheidungen auch selbst und ohne Deutungshilfe durch Angehörige oder Gerichte uns gegenüber formulieren. Damit entfällt für unsere Patienten eines der großen Probleme weitgehend: Sie können sehr wohl selbst wirksam entscheiden, ob Behandlungen abgebrochen werden sollen und oder mögliche Verfahren nicht angewendet werden sollen.

Es ist hier eben nicht so, dass wir Onkologen unsinnige "Apparatemedizin machen", ganz gegen den eigentlichen Wunsch der Betroffenen. Und auch die Anwendung starker Schmerzmittel besprechen wir ganz offen in der Sprechstunde daraufhin, ob ihre Anwendung bedeutet: Wir, Schmerzpatient und Arzt, nehmen bewusst in Kauf, dass sie möglicherweise lebensverkürzend sein können. Aber immer und nur (!) mit dem Ziel der Linderung von Leiden und der Ausrichtung der Dosis an der Schmerzlinderung, nie von vornherein überdosiert, um einen Atemstillstand zu provozieren.

Palliativmedizin - humane Unterstützung in der Nähe des Lebensendes

Die Palliativmedizin ist gerade in der Onkologie fester Bestandteil der von uns vertretenen Art, Medizin zu machen. Dies entspricht der Forderung der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin und ist gerade in Hinblick auf die Diskussion zum Thema aktive Sterbehilfe entscheidend: Palliativmedizin hat das Ziel, todkranke Menschen in ihrer Ganzheitlichkeit zu betreuen, in ihrer physischen, psychischen, sozialen und spirituellen Dimension, um so Leiden umfassend zu lindern und dabei die Würde und Autonomie des Menschen zu achten. Hier zeigt sich der entscheidende Unterschied zwischen der aktiven Sterbehilfe und der Palliativmedizin: Nicht der Leidende, sondern die Symptome des Leids wie Schmerz und Einsamkeit werden beseitigt. Wir können dies nicht allein leisten, haben aber kompetente Partner. Mit ihnen zusammen fällt unsere Stellungnahme zur Sterbehilfe ganz eindeutig aus:

Sterbehilfe zu leisten kann unsere Aufgabe nicht sein. Palliativmedizin macht Sterbehilfe weitgehend überflüssig. Menschen, die unheilbar krank sind, aber deren Schmerzen wirksam bekämpft und deren Sorgen ernst genommen werden und die nicht allein gelassen sind, erleben meist auch die letzten Tage ihres Lebens als lebenswert. Die Palliativmedizin kann also dazu beitragen, das Vertrauen der Menschen in eine fürsorgliche Medizin am Lebensende zu stärken. Ihr gilt unsere Anstrengung

Hoher Anspruch 100% einzuhalten?

Ist die sehr anspruchsvolle Behauptung im vorigen Absatz 100% haltbar, oder gehört sie mehr auf die Seite der allzu durchschaubaren Propaganda? Kann Palliativmedizin sicher halten, was sie da verspricht? Die im Verlauf der letzten Jahre auch auf den Deutschen Ärztetagen immer intensiver geführten Diskussionen über die (Un-)Zulässigkeit für Ärzte, aktive Sterbehilfe zu leisten, aber auch die zunehmende Erfahrung in der Palliativmedizin in unserer Praxisgruppe in den letzten Jahren haben gezeigt: Unter Krebskranken in ihrer letzten Lebensphase gibt es einige ganz wenige sehr hart und klar davon überzeugte und dabei keineswegs an Depressionen erkrankte Menschen, die auch mit der fürsorglichsten für sie vorstellbaren Palliativmedizin ihr Leben nicht als würdig und wert empfinden.

So zeigt sich, dass der Anspruch, durch palliativmedizinische Zuwendung und Professionalität den Wunsch nach Sterbehilfe überflüssig zu machen, in seltenen Fällen nicht eingelöst wird. Dennoch führt uns auch die Verzweiflung am Noch-Leben-Müssen dieser Kranken auf keinen Fall zu einer Änderung der Position: Als Onkologen und Palliativmediziner helfen wir unseren Patienten so gut wir können, aber wir leisten keine Sterbehilfe. Nicht passiv. Aktiv schon gar nicht. Aber wir respektieren, wie außerordentlich schwierig im Einzelfall Entscheidungen sein können.

Der Alltag ist zum Glück meist viel einfacher, konkreter und vor allem darauf ausgerichtet, spürbare Verbesserungen zu erreichen:

Sich an ambulante palliative Versorgung annähern - wie ginge das, was passiert dann?

Angenommen, ein Patient oder Angehörige erkennen, dass sie gesundheitsbedingt nicht mehr zurechtkommen, Unterstützung benötigen, aber auf keinen Fall die eigene Wohnung verlassen möchten - was dann passieren könnte: Für besonders nützlich und wichtig halten wir, dass überhaupt ein Kontakt hergestellt wird zwischen Betroffenen und potentiellen Unterstützern. Das wäre ein spezialisiertes Team der sogenannten SAPV. Dieses oft gebrauchte Kürzel steht für "spezielle ambulante Palliativversorgung". Ein erster Schritt, den man per Meldung an die Palliativ-Koordination [regional organisiert] in Gang bringen kann - als Patient, als Angehörige, als Hausarzt, als normaler Pflegedienst, als stationäre Pflegeeinrichtung, als Onkologe - ist ein gemeinsamer Termin zu Haus. Da geht es zunächst "nur" darum, gemeinsam aufzunehmen und zu analysieren, was die Probleme sind, welche Hilfsmöglichkeiten vielleicht schon bereitstehen, vor allem aber, welche geeignet wären, Abhilfe zu schaffen. Das kann ein Rollstuhl sein, das kann eine komplizierte Schmerztherapie sein, das kann ein Formular beim Amt sein, das kann die Erkenntnis sein, dass man noch ein wenig warten möchte mit künstlicher Ernährung in das Venensystem.

Manchmal wird auch verabredet, erstmal gar nichts zu verändern und nach einigen Wochen oder Monaten erneut gemeinsam zu schauen, ob die Situation sich gewandelt hat. Dann wird neu entschieden. In diesem Sinne verpflichtet ein "Beschnuppern" zu nichts.

Übrigens: als spezialisierte Praxis haben wir natürlich unsere Krebskranken am meisten im Blick. Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sehr wohl auch andere Erkrankungen gibt, die problematische und bedrohliche Situationen mit hoher Belastung bewirken - beispielsweise Lungenerkrankungen oder Erkrankungen mit Zerstörungen und Zerfall des Nervensystems. Selbstverständlich kann auch für daran Erkrankte SAPV segensreich wirken.  

Sprechen Sie uns also gerne an - und seien Sie ggf. nicht überrascht, wenn Sie auf SAPV angesprochen werden.


 

 

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