HÄMATOLOGISCH ONKOLOGISCHER SCHWERPUNKT
Dres. Müller-Hagen | Bertram | Kollegen

Krebs verhindern: Vorsorge, Vorbeugung und Früherkennung

Krebs von vornherein zu verhindern ist viel besser als ihn erst zu erkennen, wenn der Patient schon erkrankt ist. Man unterscheidet zwischen einerseits echter Vorbeugung (Prophylaxe) = Verhinderung und andererseits Früherkennung = vorgezogener Diagnose. "Vorsorge" ist ein eigentlich wenig nützlicher Begriff, weil er die Dinge vermischt.

Vorbeugung: ursächliche Einflüsse vermeiden

Die eigentliche Vorbeugung beginnt meist dort, wo der Arzt keinen oder wenig Einfluss hat, nämlich bei Verhaltensweisen, Ernährungsgewohnheiten, Gifteinwirkungen, Infektionen, die man meiden oder behandeln sollte. Die Entartung von Gewebe soll gar nicht erst stattfinden. Wenn er gar nicht erst entsteht, so die Hoffnung, würde die frühe Erkennung von Krebs weniger dringlich. Eher selten gibt es eine klare Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen schädlichem Einfluss und Ausbruch einer bösartigen Erkrankung. Wo man sie aber kennt, bieten sich Strategien gegen Krebs an, um wenigstens diese Formen zu verhindern:

Vermeiden dieser Einflüsse ..senkt die Rate an ..
 Benzol/Toluol-> Leukämie
 Asbest  -> Mesotheliom
 Rauchen  -> Lungenkrebs
 Papillomvirusinfektion (HPV) -> Gebärmutterhalskrebs
 Schleimhautpolypen-> Dickdarmkrebs

Unspezifische günstige Verhaltensweisen

Viel häufiger ist aber, dass man zwar irgendwie weiß, dass Lebensumstände oder Verhaltensweisen nicht optimal sind. Wie intensiv im Einzelfall aber Essgewohnheiten, ein vielleicht ungesunder Arbeitsplatz [den man ja realistischer Weise nicht mal eben so wechseln kann], oder ein Einsatz von chemischen Substanzen in Haus / Garten / Hobby die Krebsentstehung begünstigen, kann man praktisch nie genau sagen. Jedenfalls reicht die Klarheit selten aus, um rational über eine Vermeidung oder Veränderung zu entscheiden. Dementsprechend schwierig ist echte Vorbeugung an solchen Stellen. Das heißt aber nicht, dass man seine Chancen nicht verbessern könnte. Definitiv günstige und reale, aber zugleich ungezielte und schwer messbare Vorbeugungsmaßnahmen gegen verschiedenste Erkrankungen, auch Krebs, sind:

Gesunde Ernährung:Das meint nicht, dass jeder Mensch besondere Zusatzstoffe in der Apotheke kaufen müsste. Im Gegenteil. Ausreichende Flüssigkeitszufuhr und "5 am Tag", also fünf Mal täglich Obst und oder Gemüse - das wird empfohlen. Aber ehrlich: Wer schafft das wirklich? Schon sehr viel geholfen wäre vielen, wenn sie es zumindest anstreben!
Vermeiden von Übergewicht:Damit ist nicht gemeint, man solle so schlank werden, wie die Modejournale es uns vorführen. Untergewicht schadet und schwächt. Höheres Übergewicht ist aber bei derart vielen Erkrankungen (Gelenke, Herz-Kreislauf, Diabetes..) ein so großes Problem, dass sich auch völlig unabhängig von Gedanken der Krebsvorbeugung lohnt, Gewichtsextreme zu meiden. Was sich nicht lohnt: Rechthaberei um ein paar Kilogramm.
Reichlich Bewegung:Nicht nur, dass man sich besser fühlt - es mehren sich die Hinweise, dass eine gewisse Sportlichkeit dabei hilft, Krebsbehandlungen besser durchzustehen, zu den Patienten mit eher besserer Prognose zu gehören, und wohl auch seltener an Krebs zu erkranken. Bewiesen ist beispielsweise für Brustkrebs, dass der vorbeugende Effekt gegen einen Rückfall, den Frau durch regelmäßigen Ausdauersport schon in geringem Umfang erzielen kann, fast genauso intensiv ist, wie der der vorbeugenden antihormonellen Behandlung.
Rauchen sein lassen!Jeder weiss es. So viel Leid könnte verhindert werden.

Früherkennung: Untersuchung von überwiegend Gesunden

Was als Vorsorge bezeichnet wird, ist meist der Versuch, durch eine Untersuchung ohne akuten Anlass ein Leiden (oder seine Vorstufe) in einem Stadium aufzuspüren, in dem die Heilungsaussichten viel besser sind, als in späteren Stadien. Eine solche Früherkennung verhindert dann also Krebs nicht, kann aber die Chancen steigern. Das, was wir Früherkennung nennen, ist damit grundsätzlich die in den meisten Fällen ergebnislose Untersuchung Gesunder. Wo Früherkennung mit technischen Risiken verbunden ist, lauert ein Dilemma: Schadet Früherkennung wenigen, um vielen zu helfen? Konkret: Zwar kann die Strahlung der Mammographie Krebs auslösen, aber wahrscheinlicher rettet sie Frauen vor dem Krebstod. Früherkennung ist darüber hinaus mit einer Kostenkalkulation verknüpft: Für welchen Preis müssen wie viele Gesunde untersucht werden, bis man einmal ein Frühstadium aufdeckt, dessen Erkennung auch wirklich einen Unterschied macht? Will eine Gesellschaft diesen Preis zahlen?

Wir wollen frühe Erkennung dort, wo sie nützt

Ein Problem, das gelegentlich auftaucht: Wenn vorverlegte Erkennung nur aufdeckt, was zwar keine Symptome macht, aber dennoch nicht mehr zu heilen ist, nützt sie nur der Medizin-Industrie. Wenn andererseits Früherkennung dazu führt, dass Krebsvorstufen gefunden werden, die sich möglicherweise nie soweit entwickeln, dass der Krebs für den Betroffenen je eine Rolle spielt, muss man auch fragen, ob ein großer Aufwand gerechtfertigt ist, sie zu entdecken. Mehr noch: führt nicht sogar dann die Früherkennung zu Behandlungen und zu Nebenwirkungen, die komplett unnötig sind? Solche Überlegungen können im Einzelfall bei der Erkennung von Prostatakrebs eine Rolle spielen.

Wenn man von der Krankenversicherung fordert, dass sie ein Programm bezahlen soll, welches der Früherkennung dient, dann muss vorher bewiesen werden, dass durch ein solches Programm auch tatsächlich Verbesserungen erreicht werden, die die Kosten rechtfertigen. Was Früherkennungsmaßnahmen bei älteren und betagten Menschen angeht, bestehen teilweise Erkenntnislücken. Kaum geprüft wurde, was nach Erreichen des 75. Lebensjahres durch Früherkennungsmaßnahmen zu erreichen ist, denn die Mehrzahl an Datenerhebungen "enden" dort.

Besonders sinnvoll ist hingegen Vorsorge als Früherkennung von Krebsvorstufen, wenn diese einerseits behandelt werden können, andererseits sonst mit hoher Wahrscheinlichkeit entarten und die Lebenszeit verkürzen. Hier wird Krebs wirklich verhindert. Dies gilt besonders bei Gebärmutterhalskrebs und bei Dickdarmkrebs.

Das PSA-Dilemma: Screening auf Prostata-Krebs?

Die Untersuchung von Blut auf das sogenannte "Prostata-spezifische Antigen" (PSA) kann Männer mit Prostatakrebs identifizieren. Aber: Nicht alle Prostata-Krebse sind gefährlich. Nicht wenige betagte Männer entwickeln gegen Ende ihres Lebens Krebs in ihrer Prostata, der aber weder Beschwerden verursacht, noch zu Lebzeiten durch Metastasen bedrohlich wird. Ist es nicht am besten, davon gar nicht zu wissen? Würde man nach solchen Krebsen suchen, sie finden und behandeln, so wäre es eine Überbehandlung, die den Betroffenen nicht nützt. Bedenkt man, dass die Behandlung von Prostatakrebs in einem gewissen Prozentsatz zu Impotenz und Inkontinenz führt, wird klar:

Nicht behandlungsbedürftigen Krebs finden - und dann?

Das Auffinden nicht behandlungsbedürftiger Krebse setzt eine Maschinerie in Gang, die eine Menge Leid verursacht, wo Gutes gewollt ist. Dazu gibt es Zahlen: So sprach sich Prof. Lothar Weißbach, Vorsitzender der Stiftung Männergesundheit gegen ein globales PSA-Screening aus. Der Test verhindere nur einen Tod durch ein Prostatakarzinom bei 1055 Männern. Diesem einen "Geretteten" stünden 37 Überdiagnosen pro 1055 Männer gegenüber. Infolge von Überbehandlung erkrankten zwölf Mönner an Impotenz und vier an Inkontinenz. Also: 1055 untersuchen, 1 Tod verhindern, 37 Männer mit Krebs der Prostata finden, deren Behandlung nicht erforderlich gewesen wäre, dabei 12 impotent machen und 4 harninkontinent machen. Keine gute Bilanz, oder? [Quelle: Hämatologie und Onkologie 2/2014 vom 10.06.14 - Mitgliederrundschreiben der DGHO] 

Vorsorge, die wir befürworten:

Vorsorge bedeutet also Diagnostik an Gesunden ohne Symptome, aus Vorsicht. Wir befürworten

Koloskopie (Dickdarmspiegelung):die Vorsorgekoloskopie, also die Dickdarmspiegelung, die darauf ausgelegt ist, Krebsvorstufen (entartungsgefährdete Polypen) zu erkennen und zu entfernen; seltener ist damit zu rechnen, dass man bereits entartete Polypen findet, wo aber der Krebs noch nicht gestreut hat. Sprechen Sie uns darauf an, wir erklären und nennen Ihnen Ansprechpartner, die die Untersuchung durchführen. Diese Untersuchung wird in der Regel ab dem 55. Lebensjahr von der Krankenkasse getragen. Die Untersuchung ist effektiv. Aktuelle Zahlen: Häufigkeit und Tödlichkeit von Darmkrebs sind um 20,8% bei Männern um 26,5% bei Frauen im Zeitraum 2002 bis 2012 zurückgegangen - zurückzuführen auf das Auffinden und rechtzeitige Entfernen von Vorstufen (Quelle: Deutsches Ärzteblatt Jg 113 Heft 7)
Blut im Stuhl:den Stuhltest auf occultes (nicht mit dem bloßen Auge erkennbares) Blut, der schlechter in der Aussagekraft, aber immer noch besser als keine Früherkennung ist.
Frauengesundheit:die üblichen gynäkologischen Vorsorgeuntersuchungen zur Früherkennung von  Gebärmutterhalskrebs und zur Identifikation von entartungsgefährdeten Krebsvorstufen. Frauen sollten die Möglichkeiten nutzen, die ihnen ihre Frauenärztinnen und -ärzte bieten. Besondere Verfahren der Virusdiagnostik (HPV-Diagnostik zur Identifikation hoher Risiken) sind dabei im persönlichen Gespräch zu erörtern.

Der Gebärmutterhalskrebs wird mit Viruserkrankungen in Verbindung gebracht. Bei 99,7% der Patientinnen mit einem solchen Krebs findet man Erbmaterial von sog. Papillomviren. Daraus wird geschlossen, dass ein wirksamer Schutz gegen diese Viren helfen kann, die Krebserkrankungsrate zu senken. Dies ist inzwischen gelungen. Eine Impfung gegen die häufigsten Papillomviren ist möglich und hat zur Folge, dass weniger Krebse entstehen. Hier funktioniert eine echte "Impfung gegen Krebs"! Wir raten dringend dazu, diese Chance zu nutzen. Details (z.B: Impfung vor / in der Pubertät, nicht mehr nützlich nach Kontakt mit dem Virus) sollten am besten mit Kinder- oder Frauenärzten besprochen werden. Strittig: Soll man auch Jungen impfen? Logisch wäre es, denn sie sind Überträger der Papillomviren. Bisher gibt es dazu aber keine Empfehlung.

Impfung gegen Hepatitis B: Durch Viren ausgelöste Entzündungen der Leber begünstigen Leberkrebs erheblich. Sich gegen Hepatitis B zu schützen mindert dieses Krebsrisiko deutlich.
Brustkrebs-Screening:Inzwischen gibt es ein Programm, in dem in Hamburg Stadtteil-weise alle Frauen schriftlich eingeladen werden, mittels Mammographie ihre Brüste untersuchen zu lassen. Wir vermuten, dass hierdurch Krebserkrankungen erkannt werden können, bevor sie spürbar werden, so dass durch Behandlung in früheren Stadien die Heilungsraten steigen. Mitmachen! Mehr dazu erfahren Sie auf der offiziellen Website
Hautkrebsscreening:Die Chance, dem bösartigen schwarzen Hautkrebs (Melanom) dadurch zu entgehen, dass ein Spezialist bzw. ein geschulter Arzt sich rechtzeitig die Haut und eventuelle "Muttermale" (von denen die allermeisten ja harmlos sind) ansieht, ist viel zu hoch, um sie verpassen zu wollen. Das Screening zu Lasten der Krankenkasse sollte wahrgenommen werden! Übrigens: Die eigentliche Vorsorge besteht nach wie vor in der Vermeidung unsinniger UV-Einstrahlungen.
Sonderfälle:

Es gibt Konstellationen, in denen sich Gesunde fragen, ob sie nicht "aus einer Krebsfamilie" stammen. Oder in denen Erkrankte fürchten, dass sie ein stark erhöhtes Risiko, auch zu erkranken, an ihre (noch?) gesunden Kinder vererbt haben könnten. Hierzu gibt es keine einfachen Regeln. Vielfach aber kann man durch vernünftige Diagnostik Angst nehmen oder wenn man tatsächlich Risiken identifiziert, ein individuell sinnvolles Vorsorgeprogramm gestalten. Sprechen Sie mit uns.

So gibt es sehr gute Argumente für intensivierte Vorsorge für an bestimmten Brustkrebs-Arten (BRCA-Gene) oder an erblichen Dickdarmkrebsen (HNPCC, Polyposis) Erkrankte, weil identifizierte genetische Besonderheiten manchmal bewirken können, dass erhebliche Zusatzrisiken bestehen, noch andere Krebse zu entwickeln (Beispiel: Lynch-Syndrom). Hierzu gibt es spezielle Sprechstunden, in die wir gerne vermitteln. Auf jeden Fall lohnt es sich, genau über solche Situationen nachzudenken, weil im Falle von Erbleiden der betroffene Patient eine Verantwortung dafür haben könnte, dass noch gesunde aber auch von der genetischen Veränderung betroffene nichts ahnende Verwandte eine Chance erhalten, bedrohliche Krebsstadien durch Früherkennung zu vermeiden.