HÄMATOLOGISCH ONKOLOGISCHER SCHWERPUNKT
Dres. Müller-Hagen | Bertram | Kollegen

Nachsorge in der Krebsbehandlung

Ja, wir bieten in einigen Fällen die Nachsorge an. Doch Achtung: Mit diesem Begriff verbinden sich unterschiedlichste Vorstellungen. Vor allem erwarten fast alle Patientinnen und Patienten, dass nach Überstehen einer ersten Therapiephase einer Krebserkrankung, die nicht selten OP, Chemotherapie und Bestrahlung umfasst hat, dann regelmäßige und intensive technische Untersuchungen vor den Konsequenzen eines Rückfalls schützen würden.

Nutzen von Nachsorgeuntersuchungen

Was könnte der Nutzen solcher Untersuchungen sein? Sie könnten vielleicht einen Rückfall nachweisen, bevor der sich durch Beschwerden bemerkbar macht. Ein so herausgeholter Zeitvorsprung kann einige Wochen oder Monate, selten mehr als ein halbes Jahr betragen. Wäre ein solcher Vorsprung wertvoll? Ist also im Falle eines Rückfalls die Regel gültig, die sonst immer betont wird: Mit früher Erkennung sind bessere Heilungschancen verbunden? Intuitiv wenden die meisten Patienten dieses Wissen über die Behandlung von erstmalig auftretenden Tumoren auch auf die Behandlung ihrer Rückfälle an. Und das ist häufig falsch. Ganz überwiegend tauchen Rückfälle in Form verstreuter Tochtergeschwülste auf und die Heilungschancen sind ein sehr, sehr schwierigeres Thema geworden.

Teils gibt es Anhaltspunkte für einen solchen Nutzen und wir suchen in der Nachsorge nach Zeichen von Rückfällen, deren frühe Behandlung im symptomlosen Stadium nützlich ist. Teils wurde gezeigt, dass ein solcher Nutzen gar nicht zu erkennen ist - und wir sollten dann die Situation nicht durch sinnlose, aber aufwändige oder gar noch mit Nebenwirkungen verbundene Untersuchungen verschlimmbessern.

Therapiefolgen erkennen

Dennoch hat Nachsorge ihren Sinn - und wenn er in der Begleitung liegt und im Erkenntnisgewinn über Langzeitergebnisse. Nur mit richtig gemachter Nachsorge lassen sich Störungen erkennen, die durch die Therapie hervorgerufen worden sind. Dies kann langzeitig bei manchen insbesondere hochintensiven Chemotherapien der Fall sein, aber auch nach Bestrahlungen. Es kann aber auch so vermeintlich banale Dinge betreffen wie Folgen von Operationen, z.B. Narbenbrüche. Wiederum kann es sein, dass OPs Funktionsstörungen bedingen, gegen die man etwas machen muss. Beispiel: Wenn durch eine OP am Magen kein Vitamin B12 auf natürlichem Wege mehr in den Körper gelangt, wenn die Fettverdauung zum Problem wird oder die Aufnahme mancher Nahrungsstoffe im Darm nicht mehr möglich ist: Nachsorge kann dazu dienen, diese Dinge zu klären. Im Grunde geht es bei den hier skizzierten Fragen um medizinische Sachverhalte aus dem Alltag von Allgemeinmedizinern oder hausärztlichen Internisten (oder anderen allgemeinversorgenden Fachärzten), aber nicht so sehr um Fragen, die tatsächlich nur ein medizinischer Onkologe verstehen würde. Insofern muss in jedem Einzelfall abgesprochen werden, wer sich um die weitere medizinische Begleitung voraussichtlich geheilter Patienten kümmert. Beispiele zeigen, wie unterschiedlich die Situation dennoch sein kann:

Brustkrebs:

  • Jahrzehnte lang haben die Onkologen ihre Patientinnen darauf trainiert, dass in regelmäßigen Abständen Kataloge von Untersuchungen abzuarbeiten waren. Es gibt Studien, die nicht vermocht haben nachzuweisen, dass dies den geringsten Überlebensgewinn bringt. Aber eines ist sicher: Rückte der Nachsorgetermin näher, stieg die Angst. Lebensqualität? Nein.

Eierstockskrebs:

  • Wenn man eine Therapie des Rückfalls auf Basis eines Tumormarkeranstiegs macht, leben die Betroffenen nicht länger, als wenn man erst mit der Therapie begonnen hätte, wenn Symptome aufgetreten wären - meist 4-6 Monate später. Das ist inzwischen bewiesen. Die Laborkontrolle von Tumormarkern führt nicht zu einer Verbesserung. Man kann sogar argumentieren, dass das Wissen um einen schlechteren Markerwert die Patientin um 4-6 Monate mit eigentlich noch guter Lebensqualität betrügt.

Dickdarmkrebs:

  • Die Entdeckung von Metastasen in Leber oder Lunge lässt uns im Prinzip immer prüfen, ob operiert werden sollte. Wäre das möglich, würden die Chancen steigen. In der Nachsorge suchen wir daher gezielt. Hier wünschen wir uns technische Untersuchungen in einem regelmäßigen Zeitraster.

Hodenkrebs:

  • Die Nachsorgeprogramme sehen je nach Vorgehen in der Ersttherapie genaue Folgen von Computertomographien vor. Die rechtzeitige Erkennung eines Rückfalls kann die Heilung erheblich erleichtern.

Insgesamt:

Wir unterstützen Nachsorge und ermutigen dazu, aber wir wünschen uns, in aller Ruhe über die jeweiligen individuellen Zwecke zu reden.Nicht für jeden Patienten mit jeder Erkrankung kann und soll Nachsorge dasselbe leisten. Nicht für jeden Patienten ist sie auf dieselbe Art durchzuführen. Nicht in jedem Falle sind Laborwerte besonders nützlich. Häufig sind Tumormarker viel weniger hilfreich, als die Patienten denken. Nicht immer braucht es Kernspin oder Computertomographie.Und sehr häufig ist eine normale hausärztliche Begleitung die angemessenste Form der Nachsorge. Gerne ohne uns. Ist das nicht eigentlich auch viel beruhigender?