HÄMATOLOGISCH ONKOLOGISCHER SCHWERPUNKT
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"Über- Unter- und Fehlversorgung"?
Vor allem: Verleumdung qualifizierter
Arbeit!
Die ein halbes Jahrzehnt alte Behauptung, die Deutsche Kassenmedizin
zeichne sich durch Über-, Unter- und Fehlversorgung aus, wird in der Presse noch
immer zitiert.
Unter
Überversorgung
versteht man eine Behandlung, die aus medizinischen Gründen nicht
notwendig und deren Nutzen nicht hinreichend gesichert ist, die in
unwirtschaftlicher (ineffizienter) Form erbracht wird oder deren
geringer Nutzen die Kosten nicht rechtfertigt.
Unterversorgung ist die
teilweise oder gänzliche Verweigerung von Versorgungsleistungen
trotz anerkannten Bedarfs, deren Nutzen hinreichend gesichert ist
und deren Einsatz wirtschaftlich vertretbar ist.
Fehlversorgung ist jede
Versorgung, durch die ein vermeidbarer Schaden entsteht; um einen
solchen handelt es sich, wenn Leistungen erbracht werden, deren
Nutzen nicht hinreichend gesichert ist, Behandlungen nicht
fachgerecht durchgeführt oder Leistungen unterlassen oder nicht
rechtzeitig erbracht werden, deren Nutzen und Wirtschaftlichkeit
hinreichend gesichert sind.
Das Grandiose an dieser Begriffsschöpfung
ist, dass sie - wenn man nur aggressiv genug argumentiert - immer passt. Weil es
keine klaren Kriterien gibt, ist sie oft genug auch schwer zu widerlegen.
Hauptsächlich finden wir den Begriff dann angewendet, wenn es irgendwie darum
geht, Ärzte zu verunglimpfen. Aber: Es ist einmal mehr alles nicht so einfach,
denn tatsächlich gibt es Beispiele dafür, dass Patienten in Deutschland nicht
immer auf dem Stand der Wissenschaft behandelt werden.
Unterversorgung
Dies bezieht sich auf verschiedenste Bereiche.
In der Diabetologie wird gezeigt, dass noch immer zu viele Füße amputiert werden
müssen.
In der Onkologie lässt
sich nachweisen, dass außerhalb von spezialisierten Einrichtungen das Risiko
zunimmt, eine schlechtere als die anerkannte adjuvante (zur OP zusätzliche und
vorbeugend eingesetzte) Therapie bei Brustkrebs
oder Dickdarmkrebs zu erhalten. Außerhalb von Zentren ist die Wahrscheinlichkeit
erhöht, an Hodenkrebs (den man selbst in sehr fortgeschrittenen Stadien heutzutage
fast immer heilen kann - s. Radrennfahrer Lance Armstrong) durch zu wenig Chemotherapie
unnötigerweise zu sterben.
In der Schmerztherapie wurde lange Zeit
behauptet, dass der Prokopfverbrauch an starken Schmerzmitteln in Deutschland auffällig niedrig im
Ländervergleich sei. Inzwischen mehren sich die Berichte von Palliativmedizinern
und Schmerztherapeuten, nach denen die Vergleiche nicht stimmen, weil nicht
alle wichtigen Medikamente in die Rechnung einbezogen werden - wieder mal:
alles komplizierter, als man auf den ersten Blick denkt.
Wir haben uns als eigentlich breit
ausgebildete Internisten gerade deswegen entschieden, ausschließlich und
spezialisiert uns um Onkologie und Hämatologie zu kümmern, weil wir so am besten
dafür sorgen können, in unserem Einflussbereich Unterversorgung auszuschließen.
Überversorgung
Vor allem Ärzte erkennen auch Überversorgungen - Patienten, so
scheint es, nehmen sie eher als besonders gute und intensive Betreuung wahr und
fühlen sich betrogen und benachteiligt, wenn man hier kürzt.
In der Onkologie sehen wir Überversorgung seltener. Ein beliebtes Phänomen ist
aber beispielsweise, dass (besonders von Nichtspezialisten) Kontrollen angesetzt
werden, die keine Konsequenzen haben, so dass kein Nutzen erkennbar ist.
+ Ob aber
eine weniger nebenwirkungsreiche gleich wirksame Therapie dann zur
Überversorgung wird, wenn sie teurer ist?
Bei der nichtfachärztlichen Diagnostik wird gelegentlich von Fachärzten
kritisiert, dass teure Methoden (Kernspin, Computertomographie) überschätzt und
unkritisch und zu häufig angesetzt werden. In der Kardiologie hat es in Hamburg
Streit mit Internisten gegeben. Deren Argument: Die Kardiologen führten als
unnötig erachtete Kontroll-Herzkatheter durch bei beschwerdefreien Patienten -
ohne medizinischen Nutzen, aber mit der Konsequenz, dass sie einen besonders
großen Anteil des Budgets aufbrauchten.
Überversorgung speziell in Hamburg
Die Metropolregion Hamburg gehört ohne
Zweifel zu den Ecken der Republik, in denen verhältnismäßig viele Arztpraxen
sind. Die Krankenkassen reagieren reflexartig und schreien unisono:
"Überversorgung". Die aktuell (08/11) amtierende Gesundheitssenatorin der
Hansestadt hat mit ihrem persönlichen Karriere-Seitenwechsel von der
Krankenkassenseite in die politische Verantwortung des Senatorinnenpostens
plötzlich erkannt und bestätigt, was die Kassenärztliche Vereinigung Hamburg
schon lange erklärt: Die Hansestadt braucht die Kassenärzte, weil sie im
Gegenzug viel weniger Krankenhausbetten hat, als vergleichbare Regionen. Das
bedeutet: Wir helfen unseren Patienten ambulant in der Kassenarztpraxis, wo
andernorts die Ärzte zum Einweisungsschein greifen und ins Krankenhaus schicken.
Hamburg ist nicht überversorgt. Es hat eine andere Struktur mit einer
überdurchschnittlich leistungsfähigen Praxismedizin.
Politische Absicht
Ganz klar ist allerdings fast immer die politische Absicht derer, die
mit Überversorgung argumentieren: Man hat ein
damit noch immer ein Totschlagsargument parat, wenn einem sonst die Begründungen fehlen.
Wie schlecht soll denn eine
Versorgung sein, damit sie nicht als Überversorgung diffamiert werden kann?
Damit sind wir bei einer Kernfrage: In Deutschland weiß
nämlich kein Mensch (und kein Politiker wird es uns verraten), wo die Grenze
zwischen Überversorgung und richtiger Versorgung zu ziehen ist. Niemand
definiert in einer für den Alltag griffigen Art und Weise, ob ein teures
Medikament, das in irgendeiner Hinsicht ein bisschen besser ist, nun als
"Scheininnovation" zählt oder doch als Verbesserung, die ihr Geld wert ist.
Das System zwingt den Arzt, in jedem Einzelfall neu zu
entscheiden. Wir geben uns allergrößte Mühe damit. In Wirklichkeit ist aber die
Politik gefragt. Sie muss Farbe bekennen:
+ Wann ist eine Unterversorgung
politisch gewünscht, weil sie billiger ist?
+ Wann ist eine gute Versorgung ein
Überversorgungsluxus?
+ Wer hat eigentlich das Recht, dies zu bestimmen?
Fragen Sie doch einmal Ihren Vertreter
im Deutschen Bundestag! Vermutlich wird er oder sie ohne Konzept dastehen.
Vermutlich wird es zu mehr oder weniger gut übertünchten Wortblasen kommen
.. von jederzeit guter Versorgung für alle,
.. von selbstverständlicher Sicherstellung der Versorgung mit allem, was
nötig ist,
.. und dass man als Politiker schließlich nicht Arzt sei und nicht wissen
könne, was nötig sei...
Sie verstehen: Unsere Volksvertreter drücken sich vor ihrer
Verantwortung. Stattdessen diffamieren sie verantwortungsvoll arbeitende Ärzte.
Das ist ja auch viel leichter!
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Für diese Meinungsseite verantwortlich: Dr. M. Bertram - Letzte
Änderung 21.08.11